Posted by on 13.5.17 in Blog, Einblick | 9 Kommentare

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In der Landschafts- und Architekturfotografie kommen häufig Graufilter zum Einsatz.

In diesem Artikel möchte ich einige Anwendungsbeispiele vorstellen und von meiner persönlichen Erfahrung berichten, da das Angebot an Filtern und Filtersystemen für den Einsteiger recht unübersichtlich ist.

Einsatzgebiete von Graufiltern
Graufilter (auch ND-Filter – ND steht dabei für Neutraldichte oder Neutral Density) können genutzt werden, um beim Fotografieren die einfallende Lichtmenge zu reduzieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man beim Einsatz eines Graufilters entweder längere Belichtungszeiten oder eine weiter geöffnete Blende verwenden muss, um eine ähnliche Belichtung wie ohne Verwendung des Graufilters zu erzielen. Idealerweise sollte das Graufilter dabei keinen Einfluss auf Farbgebung und Kontraste haben. Neben den gleichmäßig Licht reduzierenden Graufiltern gibt es auch noch so genannte Verlaufsfilter, bei denen entweder ein sanfter Verlauf oder ein harter Übergang von grau nach transparent angeboten werden – alle diese Filter gibt es in verschiedenen „Dichten“ – je höher die Dichte, desto stärker der Effekt. Graufilter gibt es außerdem in verschiedenen Größen entweder zum Aufschrauben auf das Filtergewindes des Objektivs oder für Stecksysteme (z.B. Cokin, Lee, HiTech, LucroIt). Graufilter lassen sich auch kombinieren, der Effekt der einzelnen Filter addiert sich auf.
Klassische Einsatzgebiete für Graufilter sind
  • Bewegungsunschärfe – durch Langzeitbelichtung fließenden Wassers kann ein seidiger, künstlerisch überhöhter Effekt erzielt werden. Auch am Himmel ziehende Wolken lassen sich verwischen.
  • Architekturaufnahmen – durch Langzeitbelichtung können störende Objekte (z.B. Fahrzeuge, Vögel oder auch Menschen), die sich durchs Bild bewegen, eliminiert werden.
  • Freistellen – in hellen Lichtsituationen lässt sich durch den Einsatz eines Graufilters eine niedrigere Blende wählen, um so das Subjekt (z.B. beim Portraitieren) besser vor einem Hintergrund frei zu stellen.
  • Ausgleich von Helligkeitsgefälle – oft kommt es vor, dass Vorder- und Hintergrund eines Motivs in der Landschaftsfotografie unterschiedliche Belichtungszeiten erfordern würden – meistens ist der Himmel dabei heller als der Vordergrund – dies kann man durch den Einsatz eines Verlaufsfilters ausgleichen und so mit nur einer Einstellung ein korrekt belichtetes Foto aufnehmen.
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Beispiel: Bei dieser Aufnahme des Leuchtturms Paard van Marken sind die ersten beiden Anwendungsbeispiele in Kombination zu erkennen: durch Einsatz eines ND-Filters mit 64-facher Verlängerung der Belichtungszeit konnte ich diese Aufnahme zur blauen Stunde bei Blende f/8 und ISO 50 insgesamt 120 s belichten – dadurch werden sowohl das Meer im Vordergrund beruhigt als auch die Wolken am Himmel verwischt, so dass das Auge auf das eigentliche Bildmotiv, den Leuchtturm, gelenkt wird.
Filterstärken
Die Stärke der Graufilter wird von verschiedenen Herstellern unterschiedlich angegeben:
  • Dichte – die Dichte des Filters in Abstufungen von 0,3 bis 3,0
  • Blendenstufen – die Anzahl der Blendenstufen, die durch das Filter abgedunkelt werden – die Skala reicht von -1 bis -10
  • Verlängerungsfaktor – der Faktor, um den sich die Belichtungszeit bei Einsatz des Filters verlängert – die Werte sind Potenzen der Zahl 2 und reichen von 2 bis maximal 1.024 – oft wird zur Vereinfachung 1.000 statt 1.024 angegeben, was das Berechnen der korrigierten Belichtungszeit erleichtert.
Wie sich die einzelnen Bezeichnungen ineinander überführen lassen, ist im oberen Bereich der unten folgenden Korrekturtabelle dargestellt.
Korrekturtabelle
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Korrekturtabelle zum Download (PDF)
Um die Korrekturtabelle zu verwenden, misst man erst die vorgeschlagene Belichtungszeit ohne Verwendung des Filters und wählt dann über die gewünschte Zielbelichtungszeit ein passendes Filter (oder eine Kombination von Filtern). Natürlich ist auch der umgekehrte Weg möglich, die neue Belichtungszeit bei Verwendung einer bestimmten Filterstärke abzulesen.
Tipp
Was ist die ideale Belichtungszeit bei Landschaftsaufnahmen?
Die ideale Belichtungszeit gibt es leider nicht – hier muss man immer situativ entscheiden, welchen Effekt man erzielen möchte. Einflussfaktor kann z.B. die Fließgeschwindigkeit des Wassers eines Wasserfalls sein. Je schneller die Bewegung des Wassers, desto weniger muss man die Belichtungszeit verlängern – hier reichen oft zwei bis vier Sekunden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Will man das Meer (wie im Beispiel oben) glätten und beruhigen, haben sich nach meiner Erfahrung Belichtungszeiten von 90 s und länger bewährt – ziehende Wolken benötigen eine noch etwas längere Belichtungszeit von 120 s aufwärts.
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Beispiel: Bei dieser Aufnahme des Kirkjufell auf Island lag die Belichtungszeit bei Blende f/5,6 und ISO 200 bei insgesamt 180 s.
Fotografieren mit Graufilter
Beim Fotografieren mit Graufilter empfehle ich folgende Vorgehensweise:
  • Kamera auf Stativ ausrichten, Ausschnitt und Blende bei niedriger ISO-Zahl passend vorwählen, ggfs. Spiegelvorauslösung aktivieren
  • Autofokus deaktivieren und manuell fokussieren
  • Korrekte Belichtungszeit ohne Filter ermitteln (z.B. über Zeitautomatik)
  • ND-Filter montieren, korrigierte Belichtungszeit ermitteln (z.B. über Korrekturtabelle oder App)
  • Kamera umstellen auf Bulb-Modus
  • Sucher abdecken, um auf den Sensor einfallendes Streulicht zu vermeiden (nicht nötig im Live View Modus)
  • Aufnahme auslösen über Fernbedienung und gemäß ermittelter Belichtungszeit belichten
  • Kontrolle des Ergebnisses (Histogramm) und ggfs. Anpassung der Belichtungszeit und weitere Aufnahme
Das Fotografieren von Langzeitbelichtungen mit Graufilter wirkt – wenn man sich darauf einlässt – sehr entschleunigend. Mein Tipp: ausreichend Zeit mit bringen, sich nicht unter Druck setzen, trotz all der Technik das Gespür und den Blick für die Landschaft und die Natur nicht verlieren – so werden am ehesten kontemplative Aufnahmen entstehen.
Welches System ist das beste, und welche Filterstärken braucht man?
Bei meinen eigenen Versuchen habe ich verschiedene Systeme getestet – angefangen mit dem kleinen Cokin-System und Filtern zum Aufschrauben bin ich schließlich beim 100 mm Filter-System von Lee angekommen, das ich – falls Geld keine (oder nur eine untergeordnete) Rolle spielt – ausnahmslos empfehle. Das System besteht aus drei Komponenten:
  • man braucht für jedes Objektiv einen auf das Filtergewinde passenden Adapterring – hier gibt es oft zwei Ausführungen – ich würde im Zweifel ein bisschen mehr Geld investieren und die flachere Bauart wählen, um an Weitwinkelobjektiven Vignettierung zu vermeiden.
  • auf dem Adapterring rastet der Filterhalter ein – hier genügt für den Einstieg die Standardausführung
  • in den Filterhalter werden dann die 10 cm breiten Filter eingeschoben
  • optional lässt sich am Filterhalter noch eine Filterfassung für ein rundes Polfilter (105 mm) montieren
Als Filtergrundausstattung empfehle ich die Stärken ND 0.9, ND 1.8 (Little Stopper) und ND 3.0 (Big Stopper). Die Lee-Filter haben nach meiner Erfahrung die beste Farbneutralität und Qualität. Ergänzen kann man das Paket noch um Grauverlaufsfilter – wenn man nur ein einziges anschaffen möchte, würde ich zu ND 0.6 mit hartem Übergang raten.
Tipp

Auch ein zirkulares Polfilter sollte in der Sammlung nicht fehlen, wenn man häufig Landschaften und Wasser fotografiert.

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Beispiel: Bei dieser Aufnahme des Hjálparfoss auf Island habe ich zusätzlich zu einem Grauverlaufsfilter ein Polfilter eingesetzt, um die Reflexionen auf dem nicht zugefrorenen Teil der Wasseroberfläche im Vordergrund abzumildern.
Bezugsquellen
Lee Filter sind in Deutschland recht schwer, teuer oder nur mit Lieferzeiten zu bekommen. Deshalb möchte ich hier noch zwei Bezugsquellen in England nennen, die das Sortiment in der Regel gut vorrätig haben und zu günstigeren Preisen als in Deutschland anbieten – außerdem nenne ich noch zwei Anbieter in Deutschland, die Lee-Filter und -zubehör führen. Ich habe mit allen genannten Anbietern gute Erfahrungen gemacht.

Für das Lee-Filter-System gibt es inzwischen auch alternative Filter in hoher Qualität von Haida, so dass man insbesondere bei der Anschaffung der Stärken ND 1.8 und ND 3.0 viel Geld sparen und teilweise lange Lieferzeiten vermeiden kann:

(Einen ausführlichen Testbericht zu den Haida-Filtern inkl. Vergleich zu Filtern von Lee und HiTech gibt es auf der Seite von Achim Sieger)
Für den schmaleren Geldbeutel empfehle ich Schraubfilter ebenfalls von Haida in der dünnen („slim“) Ausführung. Diese sind für den günstigen Preis ebenfalls sehr farbneutral. Am besten wählt man ein Filter für das größte Filtergewinde, das man verwenden möchte, und ergänzt das Set dann um passende Adapterringe für die kleineren Filtergewinde der anderen Objektive.
Reinigung und Aufbewahrung der Filter
Die ganzen Filter nützen nichts, wenn sie schmutzig oder verschmiert sind, und das kann im täglichen Gebrauch leider schneller vorkommen als einem lieb ist – auch sollte man sich Gedanken machen, wie die Filtersammlung am besten zu transportieren ist.
Tipp

Schutz der Objektive bei aufgeschraubtem Adapterring

Eine weitere Herausforderung, die sich in der Praxis stellt und die man vorab nicht unbedingt auf dem Schirm hat, ist folgende: wie schütze/transportiere ich meine Objektive, wenn ich einen Adapterring für ein Filter-Steck-System aufgeschraubt habe? Das Problem ist, dass der normale Objektivschutzdeckel bei aufgeschraubtem Adapterring nicht mehr verwendbar ist. Man kann sich also entscheiden, ob man das Risiko eingehen will, die ungeschützten Objektive vorsichtig im Fotorucksack zu verstauen oder den Adapterring jedes Mal vor dem Wechsel der Location wieder abzuschrauben – beides ist nicht wirklich sinnvoll.
Tipp

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Weiter führende Informationen
Viel Spaß beim Fotografieren!
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Über Jens

Jens arbeitet als Fotograf bei schiefLicht Fotografie. Seine Leidenschaft gilt natürlichen Portraits, Natur und Landschaft. Seit 2011 bietet Jens Portrait-Workshops an, 2014 erweiterte er sein Angebot um internationale Fotoreisen. Seine Arbeiten werden regelmäßig in verschiedenen Online- und Printmedien veröffentlicht. Jens lebt in der Nähe von Heidelberg, wo er hauptberuflich für ein Software-Unternehmen arbeitet.